Vier-Wochen-low-budget-Urlaub mit Regengarantie-Hans radelt durch Europa (Hans Marien im August 2010)

Auf Anraten von Christiane will ich nun doch einmal versuchen, einen Bericht zu verfassen über meinen

Vier-Wochen-low-budget-Urlaub mit Regengarantie

Klingt verlockend, oder? Ich vermute allerdings, dass ich der Einzige in unserem Verein bin, der diesen skurrilen Hang zur Selbstgeißelung hat.
Ich nahm also nun bereits zum dritten Mal freiwillig große Entbehrungen und Leiden auf mich, aber die Absicht dahinter war für mich absolut klar: Wer nicht viel auf Tasche hat, aber trotzdem die Welt sehen möchte, muss selbst Einsatz zeigen.
Ich wollte seit mehr als zehn Jahren England kennen lernen, jedenfalls, so viel wie möglich. Deshalb packte ich wieder einmal mein Trekking-Bike und startete am 1. August meine Reise.
Die Kilometer in Deutschland überbrückte ich auch in diesem Jahr mit Hilfe der Bundesbahn. Das allein ist schon Abenteuer genug, vor allem, wenn man an einem Sonntag im August startet. Da bekommt man schnell den Eindruck, die Menschen kaufen sich Fahrräder, um sie gleich anschließend mit der Bahn umher zu transportieren. Die Abteile waren so voll, dass nichts mehr ging und es entbrannte, wie immer, der wortgewaltige Kampf zwischen den Fahrradtransporteuren und der übrigen tumben Bahnfahrergemeinde, welche die Radfahrerabteile zum schnöden Zweck des Sitzens missbraucht und dabei Null schlechtes Gewissen hat, wenn keine Räder mehr hineinpassen oder man übereinander purzelt. Aber da gibt es Leute, die setzen noch einen drauf. Sie leben ihre Hyperaktivität aus, indem sie über die Berge von Fahrrädern und Menschen klettern, weil sie auf´s Klo müssen. Jetzt könnte man zwar die obere Etage des Doppelstockzuges nutzen, aber wer will das schon? Das ist doch lange nicht so spannend und wäre zu einfach.
Fazit für mich, einer diese Kletterabenteurer klemmte mir fast den linken Mittelfinger ab und mein Erste-Hilfe-Paket kam schon nach zehn Kilometern zum Einsatz.
Schließlich kam ich aber doch irgendwie in Meppen an, denn von dort wollte ich starten. Warum ausgerechnet Meppen? Weil ich die Idee hatte, nicht nur England zu sehen sondern auch noch Amsterdam, Rotterdam und Antwerpen und was sonst noch so auf diesem Wege zu entdecken ist.
Gestartet bin ich bei relativ schönem, ruhigem Sommerwetter. Meine Hoffnung, dass das so bleiben würde, bekam schon auf den ersten 45 km den ersten Regendämpfer und das sollte so bleiben. Selbst an besonders schönen Sonnentagen mit verbrannter Nase wurde ich mindestens einmal nass.
Gesehen habe ich jedenfalls in diesen 4 Wochen wieder einmal mehr, als ein einzelner Mensch in so kurzer Zeit verarbeiten kann. Deshalb will ich nur kurz auf die wichtigsten Stationen eingehen.
Den Anfang machte Amsterdam. Amsterdam ist keineswegs so schön, wie man aus Fernsehbildern schließen könnte. Eine große, sehr quirlige Stadt und besonders im Zentrum nicht so schön. Witzig ist die Tatsache, dass sich rund um die Oude Kerk, eine der Hauptsehenswürdigkeiten, das größte Sexviertel der Stadt befindet. Da will man Kirche gucken und bekommt gratis den Blick auf leicht bekleidete, mehr oder weniger hübsche, junge Damen in rot beleuchteten Schaufenstern.
Übrigens den Grasgeruch in der Nase bin ich mehrere Tage lang nicht losgeworden und es war keineswegs der irre Duft nach frischem Heu. In jeder öffentlichen Kneipe sitzen die Leute mit ihren Tütchen.
Leider war ich relativ spät dran und kam gut rein in die Stadt, aber schlecht wieder heraus. Mein Knie war schmerzhaft geschwollen und ich hätte zu gern schnell einen Platz für mein Zelt gefunden, aber die Gegend ist so dicht besiedelt, das es partout nicht klappen wollte. So ist das in Holland. Rechts hast du einen Kanal und links Häuser. Ich fuhr mit schmerzendem Knie an diesem Tag 180 km und fand erst morgens um 5 einen wunderbaren Platz direkt an eine vielbefahrenen Autobahn. Egal, wenn du richtig kaputt bist, kannst du sogar mitten auf der Autobahn schlafen und das tat ich bis um 16 Uhr.
Nächste Etappe war Delft, bekannt durch die Fayencen (Delfter Blau). Dort stattete ich dem zweiten berühmten Maler auf meiner Tour einen Besuch ab, nämlich nach Rembrandt in Amsterdam, Johannes Vermeer in der Delfter Kirche.
Am übernächsten Tag komplettierte ich das in Antwerpen mit Peter Paul Rubens.
Rotterdam als nächstes Ziel hat mir sehr gut gefallen, sehr modern, aber beeindruckend. Dann folgte, wie schon erwähnt Antwerpen. Eine tolle Stadt, in die eine Reise sich jederzeit lohnt.
Weitere Stationen waren dann Gent und Brügge (ganze Stadt Weltkulturerbe), Oostende, Dünkirchen und Calais und nach 750 km endlich Calais. Die Überfahrt ist ein richtiges vergnügen und ich habe es wieder einmal genossen.
Nun also endlich England. Dover empfing mich mit bestem Wetter und einem traumhaften Sonnenuntergang. Ich übernachtete in der Nähe von Ramsgate auf einem Kieselstrand und das war gut so, denn ab jetzt begann die Regenzeit. Nächste Stationen waren Canterbury und ein kleiner Ort, namens Faversham. Nachdem ich die Ostküste mit Ramsgate und Margate und vor allem Sittingbourne als relativ hässlich empfunden hatte, machte ich hier an einer kleinen Kirche halt. Drinnen traf ich auf drei Damen aus der Kircjhgemeinde und ehe ich etwas sagen konnte, hatte ich eine Tasse mit dampfendem Kaffee in der Hand und frisches Brot und viel Käse vor mir. Es wurde ein einstündiges intensives Gespräch, welches in der Frage gipfelte: Möchten sie mal eine Blick auf das Haus von Bob Geldof werfen, der wohnt nebenan. Ich wollte und konnte mir den Teil des ehemaligen Klosters ansehen, in dem er heute wohnt. Leider war er nicht zuhause. Zum Kaffee bei Bob Geldof, das wär´s doch gewesen.
Eine solche Reise kann man zwar planen, aber durch Wettereinflüsse und Fehleinschätzungen und andere Probleme entwickelt sie sehr schnell eine Eigendynamik. Zahlreiche Umwege, unter anderem durch verdrehte Radwegschilder(die Engländer sind schon Spaßvögel), Reparaturen am Rad (an einem Samstagabend um 23 Uhr hatte ich einen belgischen Fahrradhändler aus dem Bett geklingelt, weil Reifen und Schlauch zerfetzt waren und der hat mir geholfen!!!!) Das alles hatte zur Folge, dass ich meine Weg immer wieder um planen musste. Deshalb habe ich mir London angesehen, angefangen in Greenwich beim Nullmeridian über Towerbridge, Tower, St. Pauls-Cathedral, Palace of Westminster, Big Ben usw. Ob die Queen not amused war oder ob es ihr egal war, dass ich mein Fahrrad an den Buckingham-Palast gelehnt habe, weiß ich nicht.
Geschlafen habe ich jedenfalls 3 Tage lang im direkten Einzugsbereich von Heathrow und wie man dort leben kann, wo alle 30 s ein Flieger startet und landet, ist mir völlig unklar.
Die nächsten Stationen waren Windsor, Eton und Oxford und dann sah ich ersten Steinkreis, die Rolright-Stones. Der Gipfelpunkt waren jedoch das White Horse von Uffington, Avebury Stone Circle und dann Stonehenge.
Stonehenge war das beeindruckendste Erlebnis der ganzen Reise und gleichzeitig der Punkt, an dem ich umdrehen musste. Soviel zum Thema Eigendynamik einer solchen Reise. Irgendwie sollte das wohl mein Ziel sein und ich kann es ganz klar in eine reihe stellen mit der Ankunft an der Kathedrale in Santiago und auf dem Petersplatz in Rom.
Erwähnen möchte ich noch, das ich völlig zufällig einen echten Kornkreis zu sehen bekam und das macht Gänsehaut, denn man kann sich nicht richtig vorstellen, dass irgendwelche übermütigen Studenten über Nacht solche geometrischen Muster von dem Ausmaß in ein Kornfeld treten.
Die Rückreise war überwiegend nass bis hin zum Regensturm und von meinen Qualen will ich gar nicht so ausführlich berichten.
Ich bin wieder da und werde noch lange brauchen, um die Erlebnisse aufzuarbeiten.
Kleine Statistik zu Schluss:
Nach Abzug aller, auch überraschenden Kosten, blieben 300 Euro für die Ernährung. Ein Kaffee kostet in der Regel 2 €. Ich hatte 7 Reifenpannen, bin ungefähr 50x nass geworden und hatte am Ende einen kleinen Auffahrunfall mit verbogener Gabel. Trotzdem ist alles gut gegangen.
Das Beste wie immer zum Schluss: ich habe 10 kg meines Körpergewichtes auf diesem langen Weg gelassen.